Als Gast der Heilbronner Abgeordneten Gudula Achterberg las Verkehrsminister Winfried Hermann aus „Und alles bleibt anders“
Aus dem Bauch des Theaterschiffs klangen swingende Sommermelodien der Band ApolloJazz. In gelöster Stimmung erwarteten rund 100 Gäste Verkehrsminister Winfried Hermann MdL. Die Heilbronner Landtagsabgeordnete Gudula Achterberg hatte ihn zur Lesung an diesen besonderen Kultur-Ort eingeladen und die entspannte Atmosphäre griff über: In schönster Sommerabendatmosphäre machte ein bestens aufgelegter Winfried Hermann im Zusammenspiel mit ApolloJazz aus dem Leseabend ein sinnliches Erlebnis.
Vier Leseblöcke aus seinem Buch „Und alles bleibt anders. Meine kleine Geschichte der Mobilität“ ergänzte und kommentierte der „erfahrenste Verkehrsminister im ganzen Bundesgebiet“, so Achterberg, mit zahlreichen Anekdoten. Hermanns verschmitzter Humor, sein Realitätssinn und sein beharrliches Festhalten an Überzeugungen, wie sich Mobilität wandeln muss, fesselten die Gäste zwei Stunden lang. Hermanns Verbundenheit zur Eisenbahn versteht, wer ihn hat sprechen hören von seiner Kindheit, in der der Rottenburger Güterbahnhof ein großer Abenteuerspielplatz war. Dort erlebte der 1952 geborene Hermann noch, wie Ochsenfuhrwerke im großväterlichen Rollfuhrunternehmen Transportaufgaben übernahmen und die Schiene mit rund der Hälfte Anteil der Hauptverkehrsweg für den Gütertransport war. Nostalgie pur, auf die in einem rasanten Transformationsprozess innerhalb von rund 20 Jahren die Konzentration auf das Automobil den Niedergang der Bahn beschleunigte. „Daran leidet das System bis heute“, erklärte Hermann. Heute würden über 70 Prozent aller Transporte per Lkw erledigt und unter 20 Prozent auf dem Schienenweg – bei einem „Technologierückstand von 100 Jahren“ beim Güterverkehr. Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung der Bahnnetze, die verlotterten, während überall Straßen gebaut wurden, sei nun endlich parteiübergreifend Konsens, dass mehr Geld in die Schiene investiert werden muss. Zeitgleich müssen Straßen und Brücken saniert werden. Letztere nannte Hermann „die Achillesferse des Systems“. Allein in Baden-Württemberg stehen zehn Prozent der 7700 Brücken, für die das Land zuständig ist, zur Sanierung an. Hermann mahnte, dass immer mehr Brücken saniert werden müssten: „Die nächste Koalition muss noch viel mehr Geld in die Hand nehmen, um unsere Straßen als Wirtschaftsgrundlage des Landes zu erhalten“.
Als Sprecherin für Straßeninfrastruktur im Verkehrsausschuss freute sich Achterberg, dass der Verkehrsminister auch aus seinen Kapiteln zum Straßenbau las. Viele Erfahrungen und Verständnis hat er mit und für Menschen, die vielerorts stark belastet sind durch Straßen. Gleichzeitig seien nicht alle beschlossenen Maßnahmen im Bundesverkehrswegeplan sinnvoll, müssten aber von Gesetzes wegen umgesetzt werden. Ein Dilemma, denn nachweislich führe der Bau größerer Straßen zu mehr Verkehr, so dass nach einer gewissen Zeit auch auf den viel gepriesenen Umgehungsstraßen die Menschen im Stau stünden. Hermann warb deshalb leidenschaftlich für intelligente Möglichkeiten der Verkehrsoptimierung, die alle Verkehrsmittel einbezieht. Die vom Land gestellte Plattform MobiData, auf der Mobilitätsdaten gesammelt und abgerufen werden, sei ein zeitgemäßes Instrument für eine smarte Verkehrssteuerung.
Seine Vision, wie künftig mit weniger der aktuell fahrenden Autos alle Mobilitätsbedürfnisse erfüllt werden könnten, klingt vor dem Hintergrund von Hermanns politischer Erfahrung gar nicht so sehr nach Science Fiction: Warum sollte nicht im gleichen Zeitraum wie in der Nachkriegszeit wieder eine Transformation in der Mobilität gelingen? „Wir tun, als wäre es wahnsinnig schwer, vom Verbrenner auf E-Antriebe umzusteigen. Mit der Haltung werden wir ausgeknockt, wo wir führend waren“, gab er zu bedenken. Heilbronn könnte mit seinem Seilbahnprojet beispielgebend werden, wie wir flexible Mobilität schaffen können: „Das würde richtig gut zur Innovationskraft von Heilbronn passen“, fand der Verkehrsminister. Gudula Achterberg wünschte zum Abschied, dass Hermann die Stadt spätestens zur Einweihung der Seilbahn wieder besuche.