Erhalten und erneuern

Iba`27 Projekt

Abriss und Neubau sind immer noch der Standard, wenn es um Bauprojekte in Deutschland geht. Dass Innovation auch im Bestand möglich ist, zeigen zwei Projekte, die ich am 1. April in Reutlingen und Walddorfhäslach besuchen durfte.

Gemeinsam mit Cindy Holmberg MdL, der Vorsitzenden unseres Grünen Arbeitskreises Landesentwicklung und Wohnen, sowie Gabriele Janz und Ana Sauter von der Grünen Fraktion im Reutlinger Gemeinderat wurde ich über das leerstehende ehemalige Betriebsgelände des Flachstrickmaschinenherstellers Stoll geführt. Dabei erläuterte uns Geschäftsführer Cemal Isin von Isin +Co. GmbH & Co. KG den Plan für das Projekt „Quartier Stollweg Eins“, das Teil des Projektnetzes der IBA`27 Stadtregion Stuttgart ist (https://www.iba27.de/projekt/quartier-stollweg-eins/).

Der Großteil der Industriehallen und Bürogebäude soll erhalten und saniert werden. Holzmodule, die in die entkernte Gebäudehülle geschoben werden, sorgen für flexible Nutzungsmöglichkeiten. Der Entwurf für ein Nutzungskonzept beinhaltet neben Wohnen auch Gewerbe, Dienstleistungen und Freizeitangebote.  Dach- und Fassadenbegrünungen, ein Eisspeicher zur Energiegewinnung und die Verwendung regionaler Ressourcen sollen das Projekt so nachhaltig wie möglich machen. 

Ob und wie diese Vorstellungen sich verwirklichen lassen, wird derzeit mit Stadt und Gemeinderat abgestimmt. Das spannende Areal bietet jedoch eine große Chance, Altes und Erhaltenswertes mit innovativen Ideen und Technologien zu verbinden.

Bei einem weiteren Termin nahe Reutlingen folgte ich gemeinsam mit meinen MdL-Kollegen Thomas Poreski und Michael Joukov der Einladung von Barbara Säbel, Sprecherin für Denkmalschutz und Kulturerbe der Grünen Landtagsfraktion, nach Walddorfhäslach. Bürgermeisterin Silke Höflinger stellte dort gemeinsam mit der Firma Jako Baudenkmalpflege die Ergebnisse der für fast 30 Millionen Euro sanierten Ortsmitte des 5000-Seelen-Ortes vor.

Mit Hilfe von Fördergeldern und Investoren entstand aus den teilweise über 500 Jahre alten denkmalgeschützten Gebäuden ein Standesamt, eine Bücherei, ein Jugendzentrum, ein Ärztehaus und ein Kulturtreff, die alle CO2 neutral und energieautark geheizt und mit Strom versorgt werden. Auch für die Firma Jako Baudenkmalpflege ist dies ein neuartiges Leuchtturmprojekt. Bei dem sogenannten kalten Nahwärmenetz wurden etwa 30 Erdsonden teilweise bis 130 Meter tief im Erdboden versenkt. Dezentrale Wärmepumpen ermöglichen Heizung, Warmwasserversorgung und Kühlung der Gebäude. Den Strom dafür liefern Photovoltaikanlagen auf umliegenden Neubauten. Ausgezeichnet und zertifiziert wurde das in Deutschland derzeit wohl einmalige Projekt mit dem European Energy Award (EEA).

Ob Fachwerk oder Fabrikgelände: Erhalt und Sanierung von Gebäuden lohnen sich öfter als man denkt. Neben der grauen Energie, die mit intelligenter Planung und moderner Technologie weiter genutzt wird und dem dadurch eingesparten CO2, spielen auch der identitätsstiftende Charakter und die Geschichte, die so an einem Ort konserviert werden, eine große Rolle. Ein Projekt mit Vorbildfunktion, das hoffentlich in vielen Kommunen Baden-Württembergs Nachahmer finden wird.